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Die persönliche Entwicklung und das Worst-Case-Szenario

Veröffentlicht am 06.08.2021 von Henrik Jasek, Leiter ostjob.ch - Bildquelle: Getty Images
persoenlichkeitsentwicklung
Menschen, die sich in ihren persönlichen und beruflichen Projekten von vornherein auch mit dem schlimmsten anzunehmenden Fall beschäftigen, gelten vielfach als Schwarzmaler und Pessimisten. Wir tun ihnen Unrecht, häufig tut uns das Worst-Case-Szenario gut.
Bei technischen Anlagen und im Umgang mit Gefahren stellen wir uns auch den Super-Gau, den schlimmsten anzunehmenden Fall vor. Wir stimmen unsere Sicherheitsvorgaben idealerweise genau auf dieses Worst-Case-Szenario ab. Im Alltag vermeiden wir gern die Gedanken an den Worst Case. Wir wissen, dass sein Eintritt relativ unwahrscheinlich ist. Ausserdem kann man nicht auf alles vorbereitet sein, oder? Die Beschäftigung mit dem Worst-Case-Szenario sollte nicht vorschnell aus der eigenen Herangehensweise an Planungen und Projekte gestrichen werden. Der schlimmste anzunehmende Fall gehört dazu, wenn wir uns vorstellen, wie wir unsere Ziele umsetzen.
Zwischen Best Case und Worst Case
 
Wenn wir ein Projekt planen oder ein Ziel erreichen wollen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass wir das Maximalziel verfehlen. Ebenso enden die meisten Projekte nicht in einer vollständigen Niederlage. Das eher unattraktive durchschnittliche Middle-Case-Szenario hat die grösste Wahrscheinlichkeit, sich zu verwirklichen. Wir erreichen Teilziele oder setzen Teilentwicklungen um.
 
Würdigen können wir diese Teilerfolge nur, wenn wir uns vorher mit dem Best Case und Worst Case beschäftigt haben. Vor allem kann uns der Gedanke an den Worst Case motivieren, weiter an einer Sache dranzubleiben. Wir sagen uns dann, wir hätten vollständig scheitern können, haben aber bereits einen Teilerfolg erreicht. Wie können wir das Maximalziel noch realisieren? Was ist dafür notwendig? Wenn wir auch den Worst Case in Betracht ziehen, entwickeln wir flexiblere Denkansätze. Wir nehmen geistig Hürden vorweg, die uns auf dem Weg zum Erfolg begegnen könnten. Das gibt uns Kraft und macht uns widerstandsfähig gegen zwischenzeitliche Krisen, die in jedem Projekt und in jedem persönlichen Entwicklungsfortschritt auf uns warten.
 
Worst-Case-Szenario und positives Denken - widerspricht sich das?
 
Wir sind heute schon so an das Credo des positiven Denkens gewöhnt, dass wir uns regelrecht davor fürchten können, uns auch mit dem schlimmsten, anzunehmenden Fall zu beschäftigen. Es stimmt, dass wir mit positivem Denken und positiven Visionen grosse Erfolge erzielen werden. Wer ständig panikartig schwarzmalt, wird am Ende sicherlich nicht auf dem Siegertreppchen stehen. Auf der anderen Seite gehört zum positiven Denken nicht nur die Vision von dem Erfolg. Hier wird häufig betont, unser Gehirn können nicht unterscheiden, ob ein Erfolg bereits eingetreten sei oder wir ihn nur geistig vorwegnehmen.
 
Vergessen wird in diesem Zusammenhang schnell, dass wir auch eine innere Überzeugung für den Erfolgseintritt brauchen. Sind wir unsicher, haben wir innerlich viele Zweifel daran, dass wir gewinnen, kommen wir nicht in den Genuss der Früchte des positiven Denkens. Innere Überzeugungen sind nicht einfach durch Überlegungen und Visionen zu widerlegen. Sie benötigen eine stärkere Basis. Hier kommt das Worst-Case-Szenario ins Spiel. Wenn wir unsicher sind, dass wir auch mit dem schlimmsten anzunehmenden Fall fertig werden, ist der Erfolgseintritt um einiges wahrscheinlicher geworden.
 
Wir lassen uns in diesem Fall nicht von unseren Plänen und Zielen abbringen. Schwierigkeiten auf dem Weg nehmen wir als das, was sie sind: Es sind Hindernisse, die wir überwinden können. Strategen nehmen deshalb beruflich und privat einmal den schlimmsten Fall vorweg. Sie haben so länger Zeit, die entsprechenden Lösungen und Werkzeuge zu entwickeln, um nach einem ersten Fehlschlag nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen. Wer nur positiv denkt, wird nach einer oft unvermeidlichen ersten Niederlage schneller frustriert aufgeben.