Wegen KI bekommen Ostschweizer Unternehmen immer mehr (zu) perfekte Bewerbungen.
«Bewerbungsschreiben in Minuten», «Lebenslauf in 10 Minuten»: Was früher noch viel Zeit und Nerven gekostet hat, ist dank künstlicher Intelligenz (KI) heute «spielend leicht» – das versprechen zahlreiche Tools im Internet. Sie werden rege genutzt. Rund zwei von drei Stellensuchenden lassen sich bereits von KI helfen, wie eine Studie der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich (Amosa) kürzlich ergab. KI kommt demnach sowohl bei der Jobsuche zum Einsatz aber auch bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen.
Das merken auch Ostschweizer Unternehmen. «Wir vermuten, dass viele Lebensläufe und Anschreiben mit KI überarbeitet werden», sagt Christoph Hell Rosalen, HR-Chef bei Bühler Schweiz. «Es ist tatsächlich erkennbar, dass Bewerberinnen und Bewerber für ihre Motivationsschreiben KI nutzen», sagt Cornelia Trefzer, Mediensprecherin der Thurgauer Kantonalbank. Das stellt auch die Migros Ostschweiz fest. Bewerbungen würden dadurch qualitativ besser, sagt Andreas Bühler, Sprecher der Migros Ostschweiz, gerade was die Sprache oder die Darstellung betreffe.
Schwemme an perfekten Bewerbungen
Diese perfekteren Bewerbungen sind auch erfolgreicher, heisst es in der Amosa-Studie. Stellensuchende, die KI oft nutzen, bewerben sich nicht nur auf mehr Jobs. Sie werden auch rund ein Drittel häufiger zu einem Interview eingeladen. Das könnte aber ein temporärer Effekt sein, heisst es weiter. Mit zunehmender Verbreitung von KI könnte sich dies wieder abschwächen. Auch Verena Erismann, CEO des St.Galler Personalberatungsunternehmens PIZ Recruiting, erhält immer perfektere Bewerbungen. «Man bekommt kaum mehr Lebensläufe mit Rechtschreibfehlern. Die Motivationsschreiben sind ebenfalls perfekt.» Fast zu perfekt. «Die Wortwahl ist oft hochgestochen, was dann dem Profil der Bewerbenden nicht entspricht», sagt Erismann – gerade wenn sich beim Telefon herausstelle, dass ein Kandidat nur schlecht Deutsch spricht. Erismann sieht die Entwicklung deshalb skeptisch. «Man wird überschwemmt mit vermeintlich perfekten Bewerbungen, hinter denen die Persönlichkeit verloren geht. Das macht das auswählen der richtigen Leute schwieriger.»
Ostschweizer Arbeitgeber machen unterschiedliche Erfahrungen. Bei Bühler erkennt man noch keinen direkten Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und der Zahl der Bewerbungen. Personalchef Hell Rosalen stellt aber fest, eine gut strukturierte Bewerbung ermögliche eine schnellere Bearbeitung – «und einen stärkeren Fokus auf den persönlichen Kontakt.» Auch die Migros Ostschweiz stellt statistisch keinen klaren Anstieg der Bewerbungen fest. Die Auswahl sei nicht schwieriger geworden. «Wir richten den Fokus auf die Inhalte und nicht auf die Darstellung», sagt Andreas Bühler. Allerdings nutzen nicht alle Bewerbenden Künstliche Intelligenz im gleichen Mass. Bei der Migros sind es vor allem jüngere Kandidatinnen und Kandidaten, die KI für ihre Unterlagen nutzen. Weiter verbreitet ist KI zudem auch bei administrativen und höher qualifizierten Stellen. «Bei Verkaufsstellen nutzt nur ein geringer Teil KI», sagt Bühler. Ähnlich sieht es Erismann. «Da im Pflegealltag weniger am Computer gearbeitet wird, ist der Einsatz von KI dort bislang geringer. Im kaufmännischen Umfeld gehört die Arbeit am PC stärker zum Alltag, weshalb KI häufiger genutzt wird.»
Dagegen nutzen noch recht wenige Unternehmen Künstliche Intelligenz bei der Rekrutierung. Das sagt nicht nur die Amosa-Studie: Die Migros Ostschweiz nutzt KI vor allem bei der Erstellung von Stelleninseraten, ebenso wie Bühler in Uzwil. Die TKB verzichtet hingegen noch ganz darauf. «Das macht Sinn, wenn man eine grosse Zahl von Bewerbungen bearbeiten muss», sagt Sprecherin Trefzer. «Diese Thematik haben wir bei uns nicht.»
KI sagt falsche Kandidaten ab
Gut so, findet Personalberaterin Erismann. «Solche Algorithmen schicken zu oft Leuten eine Absage, weil ihr Lebenslauf nicht zu 100 Prozent passt», sagt sie. Erfahrungen und Fähigkeiten seien zwar wichtig. «Auch das Zwischenmenschliche zählt: Passt jemand ins Team? Ist er motiviert? Das Bauchgefühl ist oft ein guter Ratgeber.» Erismann und die PIZ Recruiting verzichten deshalb auf KI-Hilfsmittel bei der Kandidatenauswahl. «Wir setzen vermehrt auf persönliche Gespräche, sei es beim Kaffee oder per Telefon», sagt sie.
Motivationsschreiben verliert an Wert
Solche Gespräche ersetzen auch immer mehr das Motivationsschreiben. «Mit KI werden diese so austauschbar, dass sie ihren Wert endgültig verlieren», sagt Erismann. Tatsächlich hat das Motivationsschreiben schon vor der Entwicklung der künstlichen Intelligenz an Bedeutung verloren: Weder Bühler noch die Migros Ostschweiz verlangen es. «Viele unserer Bewerberinnen und Bewerber arbeiten im Alltag nicht am Computer.» Für sie sei der Prozess ohne Motivationsschreiben einfacher. «Zudem lässt sich die Motivation im direkten Gespräch meist besser erkennen», sagt Migros-Ostschweiz-Sprecher Andreas Bühler.
Für einen Job bei der TKB sollte man sich die Mühe aber noch machen. «Mit einem individuellen Motivationsschreiben haben Bewerbende die Chance, aus der Masse herauszustechen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen», sagt Sprecherin Trefzer. Dabei sei es durchaus in Ordnung, wenn man die KI um Rat oder Korrekturen frage – ebenso wie einst Geschwister, Eltern oder Bekannte. «Wer hingegen einfach ein 08-15-Motivationsschreiben mit KI generiert, verpasst die Chance, mit einer persönlichen Note aufzufallen.» In Stein gemeisselt sei die Praxis aber nicht. «Wir prüfen laufend unsere Prozesse.»